• Keven Nau

#30JahreEinheit: "Tiefgreifende Folgen für so Manchen"

Über ein viertel Jahrhundert feiern wir Morgen die Wiedervereinigung. Doch: Ist in Sachsen-Anhalt zusammengewachsen, was zusammengehört? Wie kommt es, immer noch zu Unterschieden bei den Löhnen und Gehältern? Antworten gibt uns Gabriele Brakebusch, Präsidentin des Landtages Sachsen-Anhalt im Hashtag Magazin Interview.


Sachsen-Anhalts Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch // Foto: Landtag/Viktoria Kühne

Frau Landtagspräsidentin Brakebusch, 30 Jahre Deutsche Einheit – ist in Sachsen-Anhalt zusammengewachsen, was zusammengehört? Was bleibt aus Ihrer Sicht noch zu tun?


Landtagspräsidentin Brakebusch: Am 09.November 1989 begann ein unvorhersehbarer Wandel. Dieser Tag sollte als eine Zäsur in die Geschichte eingehen, als ein Wunder, welches für viele von uns undenkbar schien. Ein Tag auf den wir zu Recht stolz sein dürfen – ein Tag der Freude. Im historischen Nachgang, und bis heute, hat sich viel getan und verändert, für die Bundesrepublik Deutschland, für das Bundesland Sachsen-Anhalt, genauso wie für jeden einzelnen Menschen. Trotz aller, zum Teil tiefgreifender Folgen für so Manchen, stehen wir in der Summe heute besser da, als noch vor 30 Jahren.


Durch die Öffnung der Grenzen, welche nicht nur durch Deutschland und Europa, sondern auch durch Stammbäume, Familien und Freundschaften verlief, wurde es vielen Menschen erstmals möglich, Verwandte und Freunde zu besuchen. Viele solcher Schicksale konnte ich, selbst aufgewachsen im ehemaligen Grenzgebiet, hautnah miterleben. Für viele Familien konnte dadurch wahrhaftig wieder etwas zusammenwachsen, was für lange Zeit getrennt war. Bei allen Unterschieden, dürfen wir nicht vergessen, was wir bislang erreicht haben. Was über Jahrzehnte völlig ausgeschlossen schien, wurde ermöglicht: Einheit in Freiheit. Diese Freiheit und die damit möglich gemachte Demokratie in unserem Land sind keine Selbstverständlichkeiten.



Hashtag Magazin: Wir feiern über ein viertel Jahrhundert Wiedervereinigung. Wie kommt es, dass es immer noch Unterschiede bei den Löhnen und Gehältern zwischen Ost und West gibt?


Landtagspräsidentin Brakebusch: Pauschal ist diese Frage nicht zu beantworten. Man darf nicht vergessen, dass es nach 1990 zwei völlig verschiedene Ausgangslagen in Ost- und Westdeutschland gab. Die Auswirkungen von über vier Jahrzehnten Planwirtschaft sind teilweise heute noch sichtbar. Im Landtag von Sachsen-Anhalt wird seit 1990 daran gearbeitet, den Menschen in unserem Bundesland ein hochwertiges Leben zu ermöglichen. Doch die Politik allein stellt lediglich die Weichen für solch schwerwiegende Veränderungen. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle: Die Wirtschaft und die Gesellschaft müssen zusammen mit der Politik ein Umfeld schaffen, in dem es zu stabilen Verhältnissen kommen kann. Wir Parlamentarier arbeiten Tag für Tag daran, Unterschiede jeder Art zwischen den alten und den neuen Bundesländern auszugleichen.


Hashtag Magazin: Wie lange wird es noch eine Rolle spielen, ob jemand aus dem Osten oder Westen kommt - zur Identifizierung und für unser Zusammenleben?

Landtagspräsidentin Brakebusch: Durch die jahrelange Teilung in zwei politische und auch gesellschaftliche Bereiche, haben sich Vorurteile in großen Teilen der Bevölkerung verbreitet. Uns als demokratische Gesellschaft obliegt es, wie wir uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten. Unsere Offenheit gegenüber anderen Menschen kann nur bestehen bleiben und das Festhalten an Vorurteilen oder das Denken in Schubläden nur überwunden werden, wenn uns bewusst wird, was wir während der friedlichen Revolution und danach zusammen erreicht haben.


Ich vertrete seit vielen Jahren eine Meinung, welche gerade für die jüngeren Leser dieses Magazins von Bedeutung sein sollte. Der Generation, welche ohne „den Eiserenen Vorhang“ aufwachsen durfte, wird eine große Verantwortung zu teil. Es gilt, zu bewahren und zu restaurieren. Niemals dürfen wir, besonders in den neuen Bundesländern, vergessen, was in der Zeit nach 1945 in unseren Regionen geschah. Niemals dürfen wir undemokratische und menschenrechtsfeindliche Vorgänge dulden oder gar unterstützen. Dieser Zusammenhalt und der damit verbundene Tatendrang seit 1990 ist ein bedeutender Teil unserer Identität: als pluralistische, demokratische, gesamtdeutsche Gesellschaft. Die Demokratie ist, nicht nur bei uns, eine große zivilisatorische Errungenschaft. Wir dürfen dankbar für sie sein.


Foto: unsplash.com/gabianspirit

Hashtag Magazin: Wie wird in 30 Jahren über den 9. November und über diese ganze Zeit geredet werden? Was wird bleiben?


Landtagspräsidentin Brakebusch: Ich bin mir sicher, dass auch in 30 Jahren noch über die Pressekonferenz und den Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ gesprochen wird. Dieses Statement vom 9. November 1989 des damaligen Politbüromitarbeiters Günther Schabowski eröffnete für mehr als 15 Millionen DDR-Bürger völlig neue Möglichkeiten. Ich habe über diesen Tag schon häufig mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Parlament, aber auch mit vielen Freunden, Bekannten und natürlich mit meiner Familie gesprochen.


Jeder, der es damals miterlebt hat, nicht nur die Aussagen des Herrn Schabowskis, sondern auch die Wechselstimmung in den Wochen und Monaten zuvor, kann eine eigene Geschichte dazu erzählen. Ich denke auch in 30 Jahren werden wir diese Geschichten noch hören können. Was bleibt, sind die Menschen und die Lebenswege, welche sich an diesem Tag für viele geändert haben. Viele zeigten, und das wurde an diesem Tag besonders deutlich, dass Veränderung möglich war und diese Veränderung Gutes bedeutete.


Hashtag Magazin: Wo sehen Sie Sachsen-Anhalt in 30 Jahren?

Landtagspräsidentin Brakebusch: Ich war nie ein Mensch, der über solche Dinge spekulierte, weder als Politikerin, noch privat. Für mich ist es wichtig, dass wir unseren eingeschlagenen Weg weitergehen. Bei allen aktuellen politischen Stimmungen und Debatten, welche auch bei uns im Landtag von Sachsen-Anhalt geführt werden, ist es wichtig, dass man sich auf das besinnt, was vor 30 Jahren erstritten wurde. Ich wünsche mir, dass wir nicht aufhören, zuzuhören und miteinander zu sprechen. Die Demokratie lebt von einem offenen Diskurs und von Freiheit der Worte und des Geistes. Auch wenn ich nicht mehr lange aktiv am politischen Geschehen teilnehme, werde ich alles dafür tun, dass wir auch in 30 Jahren das erhalten, was heute als selbstverständlich erscheint. Wir haben viel erreicht und die Menschen wohnen gerne in Sachsen-Anhalt. Ich möchte, dass dies so bleibt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Das Hashtag Magazin macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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