#Homophobie: „Wir hauten so schnell wie möglich ab“

Aktualisiert: Aug 13

"Die Auswirkungen von Gewalt gegen LGBTTIQ* sind weitreichend, da die Täter neben der Absicht der individuell betroffenen Person zu schaden, dadurch die Botschaft an die Community und an die Gesellschaft insgesamt senden wollen, dass diese Gruppe nicht dazu gehören und Angst haben sollte." Von Keven Nau.


Foto: Shutterstock // Symbolbild

Es war gegen 22.00 Uhr in Leipzig. Von weiten sah André und sein bester Freund eine Gruppe von Jugendlichen auf einem Parkplatz stehen. André: „Als wir aus dem Auto stiegen, hörten wir nur: „Na, Ihr Schwuchteln, lasst Ihr Euch wieder schön in den Arsch ficken.“


Bei dem 21-Jährigen gingen sofort die Alarmglocken an. „Wir hauten so schnell wie möglich ab, ehe wir die Faust in unserem Gesicht spürten“, erzählt er. Schwule und bisexuelle Jugendliche werden immer wieder Opfer von Angriffen, doch woher kommt die Gewaltbereitschaft gegen diese Minderheit? „Es ist ein Irrtum, dass rechte Gewalt gegen Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell kurz LGBTTIQ in Deutschland ein seltenes Phänomen ist. Studien zeigen, dass das Dunkelfeld in diesem Zusammenhang sehr hoch ist und die Straftaten selten angezeigt werden.“, bestätigen die Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie e.V in Leipzig (kurz RAA) auf HASHTAG MAGAZIN-Anfrage.


Gründe dafür gibt es viele, weiss die RAA: "Die Auswirkungen von Gewalt gegen LGBTTIQ* sind weitreichend, da die Täter neben der Absicht der individuell betroffenen Person zu schaden, dadurch die Botschaft an die Community und an die Gesellschaft insgesamt senden wollen, dass diese Gruppe nicht dazu gehören und Angst haben sollte. Wichtig ist uns zu betonen, dass Gewaltstraftaten lediglich die Spitze des Eisbergs sind und darunter alltägliche Diskriminierungserfahren und Mikroaggressionen liegen, die potentiell von Gewalt Betroffene machen müssen".



Nur wenige machen eine Anzeige bei der Polizei

Foto: Unsplash // Maximilian Scheffler

Der 21 Jahre alte Patrick aus Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt kann das nur bestätigen. Er wurde beleidigt, geschlagen und getreten. Auch in der Schule, seine Lehrer schauten den Taten seiner Mitschüler zu. Patrick war damals 11 Jahre alt und ging in die 5. Klasse einer Dessauer Schule. Zwei Jahre war er der Gewalt seiner Opfer ausgesetzt. Bis die Noten in den Keller rutschen und er sogar die Schule wechselte. Die beiden 21jährigen waren der psychischen Gewalt willkürlich ausgesetzt. „Unser Ziel ist dieses Dunkelfeld aufzuhellen und das Anzeigeverhalten zu verbessern. Darum ist das Thema LGBTIQ auch Bestandteil der Aus- und Fortbildung bei der Polizei und soll dort auch noch stärker verankert werden“, sagt Kathlen Zink, Landeskriminalamt Sachsen auf HASHTAG MAGAZIN-Anfrage.


Aber: Nur wenige gehen in die nächste Polizeidienststelle. Viele Opfer machen aus Angst vor Diskriminierung der Polizeibeamten keine Anzeige und verzichten lieber. Wie geht die Polizei mit diesem Tabuthema um? Mit unserer noch recht neuen Ansprechstelle LGBTIQ tragen wir dieses Thema in die Dienststellen. Es ist wichtig, dass die Polizisten sensibilisiert werden, gerade wenn es darum geht, Straftaten und Anzeigen aufzunehmen und gegebenenfalls LGBTIQ-Bezug zu erkennen und die Menschen mit Fingerspitzengefühl zu behandeln. Auf der anderen Seite sind wir im Gespräch mit der LAG Queeres Netzwerk", so Zink weiter.



"Homofeindliche Propaganda"


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Ist doch nicht so alles „Frei“ im Freistaat Sachsen? "Uns ist jedoch bewusst, dass das Dunkelfeld an homo- und transfeindlichen Angriffen groß ist und uns leider wenig bekannt ist oder gemeldet wird. Zuletzt gab es Einschüchterungsversuche gegenüber der AIDS-Hilfe Leipzig e.V., indem an die Eingangstür zum Büro Plakate der neonazistischen Partei Der III. Weg angebracht wurden. Sie wurden direkt über das Programm für den diesjährigen Christopher Street Day geklebt. Auf den Plakaten ist der Slogan "Gesunde Familien statt Homo-Propaganda" zu lesen. Bereits im vergangenen Jahr war es auf dem Marktplatz während des CSD zu Anfeindungen durch Neonazis und das Verteilen homofeindlicher Propaganda gekommen", berichtet die RAA in Leipzig weiter.


Wohin können sich die Betroffenen hinwenden?


Betroffene können sich jederzeit, vertraulich und auf Wunsch anonym, an die bundesweiten Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt wenden. Alle Beratungsstellen sind unter https://www.verband-brg.de/beratung/#beratungsstellen zu finden.


Außerdem gibt es in Sachsen beispielsweise verschiedene queere Organisationen, , vereint im LAG Queeres Netzwerk. Dort gibt es unterschiedliche Beratungs-, Empowerment- und Austauschangebote, die entlastend und unterstützend sein können.



*Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell

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